Standpunkt: Was, wenn Einigkeit nicht das Wichtigste ist?
Im zunehmend umkämpften alpinen Raum hängt ein gutes Zusammenleben nicht davon ab, Konflikte zu beseitigen. Vielmehr müssen wir lernen, unterschiedliche Meinungen anzuerkennen, Spannungsfelder sichtbar zu machen und den Dialog als Grundlage für eine gemeinsame Zukunft zu nutzen, meint Lauren Mosdale, Co-Geschäftsleiterin von CIPRA Frankreich.
In Berggebieten sind Nutzungskonflikte vorprogrammiert: Die steigende Zahl von Nutzer:innen erhöht auch den Druck auf die natürlichen Ressourcen dieses begrenzten Raums. Es gibt viele Beispiele für Nutzungskonflikte, etwa zwischen Weidewirtschaft und Tourismus, zwischen Mountainbiker:innen und der Forstwirtschaft oder auch zwischen der Erzeugung erneuerbarer Energien und dem Landschaftsschutz.
Doch wie uns der Historiker Séverin Duc in Erinnerung ruft, gab es in den Alpen schon immer Konflikte, und wir wissen, wie wir damit umgehen müssen. Wir als Bewohner:innen der Alpen haben es geschafft, Steuerungsmechanismen und Wege zur gemeinsamen Nutzung von Ressourcen zu entwickeln – auch wenn diese unvollkommen sind, auch wenn sie aus unserer heutigen Perspektive eher ausgrenzend wirken und auch wenn die Klimakrise dabei nicht im Vordergrund steht. Wie der erste Bericht des International Panel on Behaviour Change (IPBC) hervorhebt, ist es für das menschliche Gehirn schwierig, Denkweisen, Gewohnheiten und Einstellungen zu ändern – doch es ist möglich. Die Voraussetzung dafür ist, Betroffene miteinzubeziehen und ihre Ängste und Bedenken anzuhören. Die positiven Nebeneffekte einer Veränderung müssen deutlich gemacht und der Rahmen dafür klar abgesteckt werden.
Nehmen wir das Beispiel der wachsenden Konflikte zwischen Freizeitaktivitäten und der Weidewirtschaft. Hinzu kommen die Klimakrise, die Rückkehr grosser Beutegreifer im Alpenraum und sich wandelnde gesellschaftliche Erwartungen. Das alles erschwert landwirtschaftliche Aktivitäten und den Zugang zu Ressourcen. Zugleich müssen Bergregionen ihre Tourismusmodelle überdenken und ihre Verbindung zu Landwirtschaft und Landschaftspflege stärken. In den vergangenen drei Jahren haben im Rahmen des französischen Förderprogramms «Espace Valléen» lokale «Hubs» den Austausch, den Aufbau von Kompetenzen und gemeinsame Strategien gefördert. Dabei geht es nicht mehr nur darum, Kommunikationsmittel gemeinsam zu nutzen, sondern neue Kooperationsmodelle zu entwickeln und verschiedene Landnutzungsformen besser miteinander zu verzahnen.
Das Nebeneinander verschiedener Nutzungsformen und der Dialog zwischen den Beteiligten werden nicht durch Einigkeit in allen Punkten möglich. Vielmehr geht es darum, zu klären, worin man sich nicht einig ist. Nur so finden wir Lösungen für die Konflikte im alpinen Raum.