Wintersport am Kipppunkt
Die Hydrologin Carmen de Jong warnt vor den ökologischen Folgen des alpinen Skitourismus. Ihre Forschung zeigt: Ohne Umdenken steuert die Branche auf ihr Ende zu.
Carmen de Jong forscht seit über 35 Jahren zu Wasserknappheit und Naturgefahren in Gebirgsregionen weltweit. Die Professorin für Hydrologie an der Universität Strassburg kritisiert den alpinen Skitourismus: «Wir haben einen gefährlichen Kipppunkt erreicht.» Der Wasserverbrauch für künstliche Beschneiung sei enorm, oft werde sogar Grundwasser angezapft – mit gravierenden Folgen für Mensch und Natur. Mehr als die Hälfte des Wassers geht dabei verloren. In Cortina d’Ampezzo würden für die 2026 stattfindenden Olympischen Winterspiele Liftanlagen in Hangrutschungszonen gebaut und Quellen für ein wenige Tage dauerndes Sportereignis angezapft, wie de Jong kritisiert. Besonders alarmierend sei die Zerstörung von Schutzgebieten und Urwäldern für Prestigeprojekte.
Alleine im österreichischen Bundesland Tirol wurden zwischen Januar 2024 und Juli 2025 insgesamt 17 neue Beschneiungsanlagen genehmigt, darunter Speicherteiche und Pumpstationen. Über 80 Prozent der Pisten werden dort bereits künstlich beschneit. Im italienischen Wintersportort Livigno entsteht in über 2.500 m Seehöhe ein 200.000 m³ fassender Speichersee für die Freestyle- und Snowboardbewerbe der Olympischen Winterspiele 2026. Im gesamten Alpenraum sind zudem über 80 neue Gondel- und Sessellifte in Planung.
Auch Gletscherskigebiete sieht Carmen de Jong kritisch. Trotz Gletscherrückgang und steigendem Aufwand würden neue Anlagen geplant – ein «technischer Wahnsinn», der die Klimakrise ignoriere. Stattdessen fordert sie einen Tourismus im Einklang mit Natur und lokaler Kultur. Beispiele wie etwa der heutige Naturpark Dobratsch/A zeigen: Widerstand gegen Ausbau kann erfolgreich sein. Carmen de Jongs Fazit: Der alpine Skitourismus hat keine Zukunft. «Schon vor 2050 wird sich das erledigen – wegen Klimawandel, Wasserknappheit und ökonomischer Risiken.»
Das ganze Interview zum Nachhören:
Das Interview wurde im Rahmen des «Zukunftsforum Alpen Liechtenstein 2025» geführt. Weiterführende Informationen: Zukunftsforumalpen.li
Quellen:
https://skinachrichten.de/tiroler-skigebiete-investieren-millionen-in-neue-schneekanonen/ (de), www.skiresort.de/lifte-bahnen/in-planung/alpen/, www.technoalpin.com/de/ueber-uns/media/technoalpin-sichert-sich-die-zentralen-beschneiungsprojekte-fuer-milano-cortina-2026/ (de), https://kempten.bund-naturschutz.de/aktuelles/artikel/alpen-natur-in-gefahr-die-folgen-von-beschneiung-und-beschneiungsbecken-in-den-alpen (de), www.umwelt.bz.it/medien/presse/wer-touristische-seilbahnen-baut-erzeugt-auch-verkehr-1059/ (de, it), www.youtube.com/watch?v=72t-ORJ4ZaM (de), www.novethic.fr/actualite/economie/economie/isr-rse/rechauffement-climatique-la-station-de-ski-de-la-plagne-ferme-definitivement-les-pistes-sur-son-glacier-historique-151995.html (fr)