Grün statt Weiss: Das neue Gesicht der Gletscher

Das Abschmelzen der Gletscher schafft neue Lebensräume: die Gletschervorfelder. Einer aktuellen Studie im italienischen Gran Paradiso Nationalpark zufolge nimmt sowohl die Vegetationsbedeckung als auch die Artenvielfalt auf Gletschervorfeldern zu. Doch auf Kälte spezialisierte Arten sind gefährdet.

Begrünung als Folge des Klimawandels: Dieses Phänomen beobachten Forschende der Universität Turin im Gran Paradiso Nationalpark/I. Auf den in der Studie untersuchten Gletschervorfeldern des Lauson- und des Lavassey-Gletschers fanden sie neben den typischen Pionierarten auch solche aus ursprünglich tiefer liegenden, alpinen Graslandschaften. Die Pflanzen siedeln sich bis zu 45-mal schneller an als in der Vergangenheit. Als Gründe dafür vermuten die Forschenden längere Vegetationsperioden und höhere Temperaturen. Diese Faktoren könnten die erfolgreiche Ansiedelung und das stärkere Wachstum der Pflanzen begünstigen – auch für zuvor nicht an raue Umweltbedingungen angepasste Arten. Weitere Untersuchungen in anderen alpinen Gebieten sind noch erforderlich.

Bei der beobachteten Zunahme der Artenvielfalt auf Gletschervorfeldern handelt es sich jedoch um einen kurzfristigen Effekt, langfristig werden einige endemische, also nur lokal verbreitete, und kälteangepasste Arten keine Lebensräume mehr finden. Sie wandern bereits aufgrund steigender Temperaturen nach oben – den schmelzenden Gletschern hinterher. Damit tappen sie in die so genannte «Gipfelfalle», denn mit steigender Höhe nimmt die als Lebensraum verfügbare Fläche ab. Zudem konkurrieren nun immer mehr Pflanzenarten aus ursprünglich tieferen Lagen mit ihnen. Ein kritischer Faktor für das Artensterben ist das Tempo der Gletscherschmelze: Schnelle Veränderungen können zur Folge haben, dass Lebewesen nicht rechtzeitig migrieren und sich anpassen können. Harald Pauli vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften plädiert dafür, auf die letzten unberührten alpinen Naturräume Acht zu geben. 

Quellen und weiterführende Informationen:

www.repubblica.it/green-and-blue/2025/07/14/news/crisi_clima_ghiacciai_greening-424725758/ (it), https://academic.oup.com/botlinnean/article/207/3/266/7720226 (en)https://science.orf.at/stories/3230482/ (de), https://www.science.org/doi/10.1126/science.abn6697 (en), https://alparc.org/news/new-report-published-alpine-glaciers-and-new-ecosystems-in-alpine-protected-areas (en)