Standpunkt: Die Winterspiele müssen sich der Realität stellen
Grossveranstaltungen versprechen Innovation, Aufschwung und globale Sichtbarkeit. Heute stehen diese Versprechen im Widerspruch zu alpinen Gebieten, die durch die Klimakrise, Abwanderung und einen wachsenden touristischen Druck geprägt sind. Bei genauerer Betrachtung ist Mailand-Cortina 2026 nicht nur ein Sportfest, sondern eines der umfangreichsten öffentlichen Investitions- und Infrastrukturprogramme, die es jemals im Alpenraum gegeben hat. Dessen Auswirkungen gehen weit über die Dauer der Wettkämpfe hinaus, meint Vanda Bonardo, Präsidentin von CIPRA Italien.
Neben ikonischen Bildern von Skiabfahrten und Medaillen gibt es das weniger gefeierte Bild der Baustellen und Schneekanonen: In Cortina können für die Beschneiung bis zu 98 Liter Wasser pro Sekunde aus dem Fluss Boite entnommen werden. Ein technisches Detail als Metapher: Während wir den Schneesport feiern, müssen wir künstlich produzieren, was eigentlich seine natürliche Grundlage war. Die Olympischen Winterspiele müssen sich der Realität stellen und ihr Geschäftsmodell in Zeiten immer kürzerer Winter überdenken.
Das olympische Modell präsentiert sich weiterhin als Motor der Entwicklung, trotz des Umdenkens vonseiten des IOC und der Ablehnung durch Alpenstädte, die die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Kosten als untragbar erachten. Die Kosten für die Bauarbeiten im Zusammenhang mit Mailand-Cortina belaufen sich auf über 3,5 Milliarden Euro, einschliesslich Organisation und damit verbundenen Massnahmen sind es rund sechs Milliarden Euro. Nur ein geringer Teil davon betrifft direkt die Wettkämpfe; der grösste Teil ist «Vermächtnis», vor allem permanente Infrastruktur. Hier entscheidet sich das Spiel: Was bleibt, für wen und zu welchem Preis für die ohnehin schon fragilen Ökosysteme und die Gemeinschaft vor Ort?
Unabhängige Analysen weisen auf mangelnde Transparenz, Verzögerungen, Unsicherheiten hinsichtlich der Kosten und Umweltauswirkungen hin. In einem verschuldeten Land und in einer Phase knapper Ressourcen darf Nachhaltigkeit nicht auf ein Schlagwort reduziert werden, das sich gut für Dossiers und Zeremonien eignet. Sie muss zu einer operativen, messbaren Verpflichtung werden, die Entscheidungen lenkt und den Bürger:innen Rechenschaft ablegt.
Die Alpen sind nicht nur Kulisse, sondern ein Zukunftslabor. Mailand-Cortina 2026 kann ein Schaufenster oder eine Bruchstelle sein: zwischen Entwicklung und Begrenzung, zwischen globalen Trends und lokalen Mikrokosmen, zwischen Vermächtnis-Rhetorik und der Notwendigkeit klimatischer und sozialer Belastbarkeit. Die entscheidende Herausforderung spielt sich nicht nur im Rampenlicht ab, sondern auch im Verborgenen: Natürliche Ressourcen, gemeinschaftliche Rechte und Fragen nach dem Sinn eines Entwicklungsmodells, das sich heute mehr denn je mit den ökologischen Grenzen der Bergregionen auseinandersetzen muss, sind hier eng miteinander verflochten.