Besucherlenkung und Herdenschutz im Vercors
Die Koexistenz von Grossen Beutegreifern, Alpwirtschaft und Tourismus erfolgreich gestalten – Lernlektionen aus Frankreich für die Schweiz.
Anfang Oktober reiste eine 14-köpfige Schweizer Delegation in den Naturpark Vercors, um von den französischen Erfahrungen im Umgang mit der Rückkehr der Grossen Beutegreifer zu lernen. Die Gruppe bestehend aus Vertreterinnen der Fachhochschule Graubünden, den zwei Schweizer Destinationen Arosa und Unteres Engadin, Naturpärken, dem Schweizerischen Nationalpark und interessierte Vertreter der Landwirtschaft und von NGOs aus Graubünden folgte damit einer strategischen Initiative, Lösungsansätze zur Integration von Besucherlenkung, Herdenschutz und Kommunikation in Regionen mit Wolfsbestand zu erkunden. Organisiert wurde der Besuch vor Ort von der CIPRA Frankreich.
Austausch mit regionalen Akteuren
Der Fokus der Exkursion lag auf einem intensiven Erfahrungsaustausch mit französischen Fachleuten. Vertreterinnen der Naturpark-Administration und des Gemeindeverbands Massif de Vercors präsentierten der Schweizer Gruppe ihre innovativen Ansätze zur Zusammenarbeit zwischen Alpwirtschaft und Tourismus. Besonders instruktiv war ein Erfahrungsbericht von drei freiwilligen Mitarbeitern, die während der Sommersaison direkt vor Ort tätig sind und wertvolle praktische Einblicke in die Sensibilisierung von Besucherinnen auf den Alpen gewährten. Ein regionaler Landwirt berichtete zudem aus seiner unmittelbaren Perspektive über die täglichen Herausforderungen und Chancen der Koexistenz mit Raubtieren und Touristinnen.
Ein zentraler Begriff, der in den Diskussionen immer wieder auftauchte, war das Konzept des „Récit commun" – eines gemeinsam erarbeiteten Narrativs, das es Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen ermöglicht, ein kohärentes Verständnis der lokalen Situation zu entwickeln und kollektiv an Lösungen zu arbeiten.
Praxiserfahrungen auf dem Plateau de la Molière
Der Nachmittag des zweiten Exkursionstages führte die Gruppe in das Naturgebiet „Espace naturel sensible du plateau de la Molière et du Sornin". Dort konnten die Schweizer Fachleute die praktischen Massnahmen zur Besucherlenkung vor Ort erleben und mit den MitarbeiterInnen unmittelbare Gespräche über deren Umsetzung führen. Diese direkte Begegnung mit der Realität vor Ort ermöglichte einen praxisorientierten Wissenstransfer weit über theoretische Konzepte hinaus.
Implikationen für die Schweiz
Die intensive Auseinandersetzung mit dem französischen Vorbild öffnete der Schweizer Delegation neue Perspektiven auf eine zentrale Frage: (Wie) lassen sich französische Lösungsansätze in den Schweizer Kontext, insbesondere nach Graubünden, adaptieren? Die Abschlussrunde am dritten Tag widmete sich dieser Frage systematisch. Die Teilnehmenden diskutierten Transfermöglichkeiten und identifizierten relevante Erkenntnisse für ihre eigene Arbeit.
Diese internationale Lernexkursion verdeutlichte, dass nachhaltige Lösungen für die Koexistenz von Grossen Beutegreifern, Alpwirtschaft und Tourismus auf mehreren Säulen gründen: auf klaren kommunikativen Prozessen, auf dem Einbezug aller relevanten Akteure, auf praktischen Erfahrungen von Fachleuten vor Ort und auf dem Willen, gemeinsame Narrative zu entwickeln. Der Austausch mit dem französischen Naturpark Vercors hat gezeigt, dass innovative Modelle der Besucherlenkung und des Herdenschutzes nicht nur technisch möglich, sondern auch gesellschaftlich tragbar sind – unter der Bedingung, dass sie partizipativ entwickelt und kontinuierlich reflektiert werden.