Alpkäse in Gefahr?
Neue Richtlinien des italienischen Gesundheitsministeriums bringen die traditionelle Rohmilchkäse-Produktion in den Alpen unter Druck. Produzent:innen warnen vor einer Verteufelung von Rohmilch und dem Verlust einzigartiger Käsekultur.
Auslöser der Diskussion waren mehrere, teils schwere Lebensmittelvergiftungen durch Coli-Bakterien nach dem Verzehr von Rohmilchkäse. Das Gesundheitsministerium reagierte mit Leitlinien für mehr Stallkontrollen und Milchanalysen, die nun von den Regionen umgesetzt werden sollen. Der Verein «Slow Food Italia» kritisiert die Massnahmen als überzogen und fordert statt teurer Kontrollen vor allem Schulungen für Produzent:innen und bessere Verbraucherinformation.
Anstatt – wie bei allen Lebensmitteln – ein gewisses Restrisiko klar zu benennen und gefährdete Gruppen wie Kinder, Schwangere oder immungeschwächte Personen gezielt zu informieren, zeichnen viele Medien ein Schreckensbild: Rohmilch wird pauschal verteufelt. Die Folge: Gäste in Restaurants meiden zunehmend Rohmilchkäse. Für kleine Produzent:innen bedeutet das einen enormen Druck. Viele sehen sich gezwungen, auf Pasteurisierung umzusteigen – teuer, in den Alpen oft kaum machbar und mit dem Verlust des einzigartigen Geschmacks verbunden. Manche denken sogar daran, ihre Tiere nicht mehr auf die Alp zu treiben oder den Betrieb ganz aufzugeben. «Lebensmittelsicherheit hat oberste Priorität. Doch die in den Leitlinien vorgesehenen Kontrollen sind in der Praxis kaum umsetzbar und laufen auf ein faktisches Verbot der Rohmilchkäseproduktion hinaus – insbesondere in den Bergregionen», erklärt Roberto Colombero, Präsident von UNCEM Piemonte, selbst aus einer Familie stammend, die seit Generationen Alpkäse herstellt.
Ein Blick nach Frankreich, wo 70 Prozent der geschützten Käsesorten aus Rohmilch bestehen, zeigt: Ein ausgewogener Ansatz ist möglich. Das französische Landwirtschaftsministerium gibt klare, differenzierte Empfehlungen und betont neben den Vorsichtsmassnahmen auch den kulturellen und ernährungsphysiologischen Wert des Rohmilchkäses. Auch in restlichen Alpenländern wird versucht, traditionelle Käseproduktion und Lebensmittelsicherheit in Balance zu halten.
Quellen und weiterführende Informationen:
www.salute.gov.it (it), www.slowfood.it/perche-valorizzare-il-latte-crudo/documento-di-posizione-di-slow-food-nuove-linee-guida-gestione-rischio-stec (it), https://uncem.piemonte.it/stec-shiga-tossine-lungo-la-filiera-dei-prodotti-lattiero-caseari-colombero-uncem-evitare-blocco-dei-prodotti-a-latte-crudo (it), https://agriculture.gouv.fr/consommation-de-fromages-base-de-lait-cru-rappel-des-precautions-prendre (fr)